Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Namen des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin lade ich Sie ganz herzlich zur Jahrestagung im Frühjahr 2008 in Wiesbaden ein. Der Kongress soll Ihnen wieder einmal einen umfassenden Überblick über die gesamte Innere Medizin geben. Neueste Forschungsergebnisse werden ebenso behandelt wie Standards in der Inneren Medizin. Entsprechend gliedert sich das Programm in "Pfade", deren Veranstaltungen bevorzugt in einem Hörsaal bleiben: einen Pfad (1), der zum Facharzt für Innere Medizin führt (Facharztpfad), einen (2), der sich vor allem der Notfallmedizin widmet, einen (3) der den Facharzt auf den neuesten Stand seit letztem Jahr bringt ("Up to date"), einen (4), der die zukünftigen Entwicklungen in der Inneren Medizin aufzeigt (Pfad für Perspektiven und Neues aus der Forschung), und (5) "Chances" für den wissenschaftlichen und klinischen Nachwuchs. Es wird auch wieder spannende Pro und Contras und die beliebten Klinischen Foren, Tutorials und Kurse einschließlich "Hands on" geben. Berufs- und hochschulpolitische Themen mit Bezug zur Inneren Medizin werden ebenfalls diskutiert.

Die rasch steigende Mitgliederzahl der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin und die ebenfalls steigende Teilnehmerzahl des Kongresses, aber auch die vom Deutschen Ärztetag 2008 in Münster empfohlene Wiedereinführung des "Allgemeininternisten" in die Weiterbildungsordnung unterstreichen den zunehmenden Bedarf an internistischer Fortbildung, aber auch an wissenschaftlichem Austausch zwischen Internisten aus unterschiedlichen Subdisziplinen. Kontrollierte Studien generieren rasch Evidenz für neue Therapieverfahren, die in Leitlinien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften einfließen und möglichst ohne Zeitverlust in die Praxis umgesetzt werden sollen. Die Umsetzung in die Versorgung unserer meist älteren multimorbiden Patienten ist jedoch nicht immer einfach. Die Summe der Komorbiditäten bestimmt häufig die Lebensqualität und die Lebenserwartung stärker als eine einzelne Grunderkrankung, für welche die Leitlinie streng genommen nur gilt. Die notwendige Polypharmakotherapie ist bestimmt von Arzneimittelinteraktionen, die den Therapieerfolg ungewiss machen können. Das heißt, die Patientenversorgung erfordert nach wie vor und sogar zunehmend solide Kenntnisse und Erfahrungen in der gesamten Inneren Medizin.

Ähnlich bedarf die klinische Erforschung von organübergreifenden Erkrankungen interdisziplinärer internistischer Ansätze. So können beispielsweise unterschiedliche Erkrankungen zur Herzinsuffizienz führen, einem klinischen Syndrom mit dem Charakter einer "Systemerkrankung": neurohumorale Aktivierung, Minderperfusion der Organe, Störungen des Elektrolyt- und Wasserhaushaltes. Auch die Komplikationen der Herzinsuffizienz betreffen den gesamten Organismus: Schlaganfall, Nierenversagen, thromboembolische Komplikationen und der plötzliche Herztod, aber auch kognitive Störungen und Depressionen. Sollen größere Forschungs- und Behandlungskonzepte Erfolg haben, so müssen Kardiologen mit Nephrologen, Endokrinologen, Neurologen und Psychiatern zusammenarbeiten. Reduktionistische Forschung gibt klare Vorstellungen über Mechanismen für isolierte biologische Strukturen. Die klinische Forschung muss insbesondere in Deutschland ihren Weg zurück in die Systembiologie und patientenorientierte Forschung und damit heute in die Multimorbidität des alten Menschen finden: internistische Forschung in ihrem ursprünglichen Sinne.
Aber auch auf der molekularen und zellulären Ebene der Forschung ähneln sich die wissenschaftlichen Methoden, Fragestellungen und aktuellen Modelle zur Krankheitsentstehung. Die Hypertrophie des Herzens unterliegt ähnlichen Steuermechanismen wie das Wachstum eines Tumors, und ähnliche therapeutische Ansätze werden geprüft. Auch hier ist der Austausch unter den internistischen Schwerpunkten fruchtbar und für die Erforschung von Systemerkrankungen sogar zwingend. All dies muss schon in der studentischen Lehre ebenso wie in der Fort- und Weiterbildung berücksichtigt werden. Hierfür steht der Internistenkongress, und es wurde auch dieses Jahr bei der Programmgestaltung, aber auch bei der Auswahl der Schwerpunkthemen besonders darauf geachtet.
Natürlich werden die Programmgestaltung und Auswahl der Poster wesentlich von den Experten auf dem jeweiligen Gebiet getragen, die Schwerpunktgesellschaften sind ebenso eng mit eingebunden wie die Kompetenznetze. Bevorzugt behandelt werden Subspezialitäten übergreifende und interdisziplinäre Themen. Die Pfade bilden die gesamte Innere Medizin ab, die Poster werden nach schwerpunktübergreifenden Themen gruppiert und diskutiert. Wir erwarten uns hier fruchtbare Diskussionen zwischen den internistischen Schwerpunkten und eventuell Synergien bei zukünftigen Konzepten.

"Bildgebende Verfahren in der Inneren Medizin" wird eines der Hauptthemen auf dem kommenden Internistenkongress sein. Die Entwicklungen sind rapide und bedürfen entsprechend rascher Fortbildung in den Techniken, bei Magnetresonanztomographie (MRT) und Röntgentechniken auch einer interdisziplinären Organisation der Diagnostik, Weiter- und Fortbildung zwischen Internisten und Radiologen, um die Verfahren anzuwenden oder auch nur ihre Ergebnisse zu interpretieren. Einer der ganz großen Forscher im Bereich der MRT, George Radda aus Oxford, wird in einem Plenarvortrag den Bogen spannen von Leonardo da Vinci bis zur molekularen Bildgebung.
Neue Therapien werden zunehmend aus der Grundlagenforschung entwickelt. Es ist allerdings ein langer und mühseliger Weg bis zu einer klinischen Studie oder gar Zulassung eines Medikamentes, den die meisten Wirkstoffe nicht schaffen. Jahre vergehen, bis ein neues therapeutisches Konzept tatsächlich in der Patientenversorgung flächendeckend realisiert wird. Das Schlagwort ist "Lost in Translation". Defizite in der Umsetzung neuer Therapien sind Gegenstand der Versorgungsforschung, die erst neuerdings als Forschung akzeptiert wird und die ökonomisch getriebenen Anwendungsbeobachtungen ablösen sollte. Aus der Versorgungsforschung werden Strategien für die Sicherstellung einer evidenzbasierten Medizin entwickelt, die unbedingt die Prävention mit einschließen sollte. Der kommende Internistenkongress widmet zwei seiner Schwerpunkte dem Weg der "Prävention und Therapie von der Grundlagen- zur Versorgungsforschung" und "Von Leitlinien zur Therapie des individuellen Patienten". Können wir uns die rasche Entwicklung und Umsetzung der evidenzbasierten Medizin noch leisten? Hierzu wird Eberhard Wille, Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbes. Planung und Verwaltung öffentlicher Wirtschaft, Universität Mannheim, Stellung nehmen.

Bei den Konzepten der evidenzbasierten Medizin drohen die seltenen Erkrankungen auf der Strecke zu bleiben. Ausreichend große Patientenkollektive sind bei vielen dieser Erkrankungen auch durch weltweite Multicenterstudien nicht zu akquirieren, um eine statistisch sichere Evidenz für ein Therapieverfahren zu erreichen. Komplementär zu den genannten Themen wird daher die Diagnostik und Therapie seltener Erkrankungen ein Hauptthema werden. In seinem Plenarvortrag wird Alfred Georg Hildebrandt, bis 2000 Chef des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und Beauftragter des Bundesministeriums für Gesundheit für Arzneimittel gegen seltene Krankheiten, seit 2004 Berater der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE) eine Lanze für die Forschung und Versorgung der vielen Patienten mit seltenen Erkrankungen brechen. Wir hoffen, unser Kongress wächst ähnlich schnell weiter wie die Mitgliederzahlen unserer Gesellschaft, die sich darüber hinaus in den letzten Jahren stetig verjüngt. Speziell für jüngere Kolleginnen und Kollegen, Einsteiger in die Weiterbildung und Existenzgründer haben wir mit einem "jungen Beirat" die Pfade, aber auch wieder ein spezielles "Chances-Programm" entwickelt, mit dem wir auch Studierende ansprechen wollen. Wiesbaden im Frühling, die Spargelzeit beginnt, der Park in Blüten, das Kurhaus mit seinem Charme, zur feierlichen Eröffnung renommierte Rednerinnen und Redner und eine wunderbare Musik des Bayrischen Ärzteorchesters, am Montagabend in der Oper Tosca, am Dienstag die "Get-together-Party" im Kurhaus - auch der Rahmen des 114. Internistenkongresses wird wieder stimmen.

Hierzu möchte ich Sie herzlich einladen.

Ihr
Georg Ertl
Vorsitzender der Deutschen
Gesellschaft für Innere Medizin
2007/2008